Das Kino
Das Atrium wurde 1955 unter Leitung von Fritz Rothschild eröffnet.
Mit Übernahme des Atriums durch H. J. Flebbe erfuhr das Kino 1988 eine umfangreiche Renovierung und wurde zum Vorzeigehaus und Premierenkino. Eingebaut wurden eine neue Leinwand, neuer Ton und eine neue Bestuhlung im Parkett. Die Sitzplatzanzahl reduzierte sich zugunsten der Beinfreiheit von 800 auf knapp 600 Plätze. Kurze Zeit später erhielt auch der Balkon neue Stühle.
Mit Steven Spielbergs The Lost World feierte 1996 im Atrium das dts Tonsystem seinen Einstand in Bielefeld.
Im Gegensatz zu vielen in den 70er Jahren verschachtelten alten Kinos zeugte die Großzügigkeit der Ausstattung bis zur Schließung des Kinos noch vom früheren Stellenwert der Lichtspieltheater.
Die prachtvolle Leuchtreklame am Eingang, die klassische Kinokasse, ein wunderschönes Foyer, ein alter (wenn auch völlig verstimmter) Flügel im ersten Stock und der letzte in einem Bielefelder Kino erhaltene Balkon machten das Atrium zu einem echten Kinojuwel.
Doch schon vor Beginn der CinemaxX-Ära in Bielefeld begann der langsame Verfall des Kinos. Der damalige Betreiber H. J. Flebbe konzentrierte sich, auf Kosten der traditionellen Kinos, zunehmend auf das Multiplex-Geschäft.
Das machte sich dann auch im Atrium bemerkbar, wo die sanitären Anlagen schon länger renovierungsbedürftig waren, die Sitze verdreckten und die Tapeten teilweise von der Wand fielen. Auch das eigentlich gute Tonsystem erfuhr offensichtlich nicht die notwendige Pflege und bereitete in der Endphase des Kinos keine große Freude mehr.
Programm-Ausrichtung
Liefen früher im Atrium zumeist aktuelle Blockbuster, für die das Astoria nicht ausreichend Platz bot, so schien die Leinwand mit Eröffnung des CinemaxX endgültig überflüssig geworden zu sein.
Dementsprechend hatte im Atrium nur noch selten ein großer Film Premiere oder wurde in Konkurrenz zum eigenen Haus auch im Multiplex gezeigt. Wenig überraschend fiel die „Abstimmung mit den Füßen“ aus: Das Neue lockt mit moderner Technik das Publikum an und lässt das Alte mit seinem Investitionsstau noch unattraktiver erscheinen.
Technik
Die Qualität des Bildes war prinzipiell gut, denn die Lage des Vorführraumes unterhalb des Balkons ermöglichte eine fast senkrechte Projektion des Bildes und somit optimale Schärfe.
Der damals in den traditionellen Flebbe-Kinos exklusive dts Digitalton war zu den besten Zeiten neben der Skala durchaus Referenz in Bielefeld.
Probleme gab es bei Wiedergabe des Lichttons. Aus irgendeinem Grund mussten dann die Verstärker aufgerissen werden und heftiges Dröhnen und lautes Knacken bei Kratzern auf dem Film machten einige Vorstellungen zur Qual.
Service
Kino-Karten für reservierte Plätze vorab online (gegen eine kleine „Service“-Gebühr) kaufen? Heute selbstverständlich, damals undenkbar. Man konnte aber tatsächlich Karten telefonisch vorbestellen. Wer das wusste, durfte sich dann an der Kasse offiziell vorne anstellen.
Ansonsten gab es im Foyer eine einfache Concession, die an Stelle der ehemaligen Garderobe errichtet wurde. Feilgeboten wurde das übliche Eis-, Cola- und Popcorn-Sortiment.
Schließung
Am 20.3.1999 wurde schließlich ein Schlussstrich unter die Geschichte des Kinos gezogen. Mit dem Billy Wilder Streifen Eins, Zwei, Drei und einer kleinen Trauerfeier wurde Abschied genommen von Bielefelds einzigem im Originalzustand erhaltenen Kinosaal.
Heutige Nutzung
Nach Abriss des Saals und Neuerrichtung wurde das Gebäude zur Niedernstraße als Gerry Weber Store genutzt, 2020 folgte eine hochpreisige Burger-Kette.
Im hinteren Bereich des ehemaligen Saals gibt es anstelle von Bildern auf der Leinwand nun Flammkuchen.